Wo waren Sie am 25. Mai?

„Was haben Sie am 25. Mai gemacht?“, fragt der Kommissar unseren Chefredakteur. „Haben Sie E-Mails versendet, oder haben Sie etwa Visitenkarten mit sensiblen Daten entgegengenommen?“ Der streitet alles ab, schließlich kennt er sich ganz gut aus mit der neuen EU-Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) und dem neuen Bundesdatenschutzgesetz (BDSG), die seit fraglichem Tag in Kraft sind. Dennoch spielt er den Naiven: „Nach Diktat verreist“, antwortet er. „Ich war im Urlaub und habe einfach den Termin verpasst, da ich keine Internetverbindung hatte“. Die Ausrede war offensichtlich die falsche. Der Kommissar nimmt ihn mit aufs Revier.

Dabei war alles so gut eingefädelt. Wir hatten Newsletter nur noch über geheime Server auf den Jungferninseln mit verschlüsselten Adressdaten versendet. Auf der Hannover Messe hat die gesamte Redaktion Visitenkarten nur unter dem Tisch oder in abgedunkelten Räumen entgegengenommen. Selbst bei Interviews haben wir unseren Gesprächspartnern versichert, dass die Interviews niemals veröffentlicht werden. Auch Fachberichte, die die Wahrheit und andere sensible Daten enthalten, wollten wir bis zum 25. Mai auf allen Datenträgern löschen, so lautete jedenfalls der Entschluss unserer Redaktionskonferenz. Dass dann doch einige solcher Ungehörigkeiten in der [me] erschienen und fleißig gelesen wurden, wie zum Beispiel von der Leiterin der Bundesdatenschutzstelle, die zu den vielen weiblichen Fans meiner Heinrich-Kolumne gehört, kann nur als Anhäufung unglücklicher Zufälle gewertet werden.

Jedenfalls kann uns kein Richter mangelndes Engagement für den Datenschutz vorwerfen. Ich hoffe, dass unser Chef auf Bewährung auf freien Fuß gesetzt wird. Gut, so zwei, drei Monate ohne ihn wären ziemlich erholsam. Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste. Deshalb werden wir auf den nächsten Messen, wie der Automatica in München, noch vorsichtiger auftreten. In Bayern sind als dem sichersten Bundesland bekanntlich mehr Polizisten als sonst wo auf Messen unterwegs. Sollte jemand aus dem [me]-Team trotz aller Vorsicht bei der Annahme einer Visitenkarte erwischt werden, lautet die strikte Anweisung: „Sofort in kleine Stücke reißen und runterschlucken.“ Die Juristen sind sich selten einig darüber, dass die Speicherung personenbezogener Daten im Magen nicht gegen die DSGVO verstößt.

Überhaupt ist es wichtig zu wissen, wo Informationen und Daten künftig gespeichert werden dürfen. Eigentlich nur noch im Kopf, denn auch hier ist die Juristenmeinung einhellig: Wer Daten im Kopf speichert, macht sich nicht nach der DSGVO strafbar. Was heißt das für Journalisten? Viel Hirnjogging und Gedächtnistraining. Denn wer sich als Redakteur Notizen auf einer Pressekonferenz macht oder gar ganze Redeabschnitte aufzeichnet, steht mit einem Bein im Knast. Solche Konferenzen finden künftig auch nur noch in schalldichten abgedunkelten Räumen – nicht zuletzt zum Schutz gegen das lästige Fotografieren. Vor Betreten des Raums werden Journalisten und Blogger deshalb auf Fotoapparate, Videokameras, Handys und Schreibutensilien untersucht. Detektorenhersteller und Nacktscannerbauer reiben sich die Hände. Eine profitable Branche wächst schnell heran. Unser Chef plant bereits eine neue Fachzeitschrift: [PDK] Magazin für Persönliche Daten-Killer.

Und überhaupt, Rundumschutz ist angesagt. Aus Schutzgründen vor der Datenschutz-Grundverordnung hat der Datenschutzbeauftragte unserer Redaktion angeordnet, eingehende Emails ungelesen an folgende Adresse zu weiterzuleiten: merkel@bundeskanzleramt.de Dort wird sie keiner lesen.

Unser Chefredakteur hat sich aus persönlichen Datenschutzgründen auch eine neue Handynummer zugelegt, die datentechnisch ziemlich verschlüsselt ist: 0172########, der hintere Teil kann mit einem speziellen Drehmomentschraubenzieher freigerubbelt werden. Der Schlüssel kann gegen eine Schutzgebühr vom 80,- Euro bei der [me]-Redaktion angefordert werden. Die Adresse lautet 80992 München, Schragen####. Gegen einen Schutzbetrag von 60,- kann sie freigeschaltet werden.

Ich bin mal gespannt, für wieviel Euro aus der Staatskasse die Polizei bereit ist, meinem Chef diese Daten abzukaufen. Der Datenhandel mit geheimen personenbezogenen gilt als das kommende Erfolgsmodell für Verlage, Agenturen und die Cosa Nostra.

Herzlichst
Ihr Heinrich